Wie kann ich etwas einfacher machen?

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Wohin mit den Händen?
How to handle hands?
Form und Zweck 18/2001, 44f.

 

Bist Du ein Genußmensch? Was ist Dir Genuß?

 

Ich genieße Eleganz. Sie ist ja schwer zu finden und noch verzwickter, zu erzeugen, wenn es nicht von ganz allein passiert. Ob von ästhetik, Schönheit oder auch der Suche nach der Weltformel die Rede ist, immer, wenn etwas aufgeht oder gelingt, stellt sich eine Art von Eleganz ein. Aber es muß nicht unbedingt mir etwas gelingen, sondern wenn ich teilhaben kann an einem Prozeß, der gelingt ­ z.B. an einer eleganten Bewegung, die abläuft – so etwas genieße ich sehr.

 

Wenn Genuß, wie Du sagst, Teilhabe an einer eleganten Bewegung bedeutet, dann betonst Du den Vorgang – die gelingende Bewegung. Im Design haben wir es oft mit Zuständen, Produkten, zu tun – seien sie nun Endpunkt eines Entwurfs oder Ausgangspunkt eines Gebrauchs. In welchem Sinne würdest Du von einem gelungenen Produkt sprechen?

 

Ein gelungenes Produkt löst Bewegung aus. Zum Beispiel beim Regal FNP. Es scheint gelungen. Alles paßt sehr gut zusammen. Damit meine ich nicht nur die konstruktive Verbindung, sondern auch die Arbeitsvorgänge bei der Herstellung, Verpackung und Transport, Aufbau und Abbau. Das sind in sich zusammenhängende Prozesse, die immer wieder funktionieren, auch nach 12 Jahren noch. An diesem Regal sind viele beteiligt und es scheint ihnen damit gutzugehen. Denen, die es haben und denen, die es herstellen. Schöne Dinge müssen einen schönen Weg haben, vor sich und hinter sich.

 

Wir haben ein Buch entdeckt, das für Gestalter wunderbar ist: Frank R. Wilson ‚Die Hand‘. Es ist voller Geschichten von Kranführern, Jongleuren und Klavierspielern. Wilson fragt darin unter anderem, worauf menschliche Intelligenz – also die Fähigkeit, Probleme zu lösen – beruht. Wilson meint, menschliche Intelligenz sei gebunden an manuelle Fertigkeiten, entwicklungsgeschichtlich komme sie von dort her. Wir würden folgerichtig denken, weil wir folgerichtig handeln. Würdest Du diesen Kontex von Denken und Handeln aus Deiner entwerferischen Arbeit her bestätigen? Denkst Du mit den Händen?

 

Genauso kommt es mir häufig vor. Im Moment arbeite ich sehr viel aus der Erinnerung, weil ich keine Schreinerei mehr habe. Meine entwerferische Tätigkeit ist gegründet auf Erlebnisse in der Schreinerei und auf meiner Neugier, Dinge auszuprobieren. Immer wieder geht es um die Frage, wie kann ich etwas einfacher machen? Die Mühsal des Herausschnitzens, wenn es um’s Möbelbauen geht, das liegt mir nicht. Ich versuche, die einfachen Wege zu finden, was zunächst sehr kompliziert ist. Dabei versuche ich nicht, mich gegen die Welt zu stellen, sondern mit der Welt zu arbeiten. Das Verrückte ist, daß so etwas meist gegen den Mainstream läuft.

Ich hatte ein wunderbares Erlebnis: Vom Schreibtisch aus sah ich eine alte Bäuerin, die dicke Runkelrüben mit einer dreizackigen Gabel von einem großen Haufen über eine Blechrinne in ein Kellerloch bugsierte. Sie piekste jede einzelne Rübe auf, fast ohne sichtbare Bewegungen, so erfahren war sie, so ‚intelligent‘, daß sie die schweren, unhandlichen Teile geradezu mühelos bewegen konnte. Ich hätte sicher die vielfache Zeit gebraucht und wäre naßgeschwitzt gewesen. Das ist mir bei Handwerkern und Leuten, die mit Material umgehen, sehr häufig aufgefallen: Kopf und Hand sind oft sehr nah zusammen.

In der eigenen Werkstatt war ich immer darauf aus, Arbeitsabläufen eine Mühelosigkeit zu geben. Ich konnte nicht mit ansehen, wie jemand zu Boden geht und auf den Knien rutschend Platten zerteilt, nur weil er mit der Arbeit gleich fertig sein wollte. Das Was und das Wie mußten einfach gut zueinander passen. Damit war und bin ich auch ein ziemlich langsamer Arbeiter. Ich überlege erstmal, baue mir lieber eine Vorrichtung und habe Spaß daran, die Situation so auszurichten, daß es mit einer Leichtigkeit funktioniert. Das sind Erfahrungen, die man mit den Händen macht, die über den Kopf wieder zurückgehen in die Hände. Jetzt bin ich mit den Händen nicht mehr beteiligt, verfüge aber über ein großes Vorstellungsvermögen wie Material bearbeitet werden kann, wie eine Konstruktion funktioniert, wie etwas zusammengesteckt werden kann, wie es sich verhält. Ich versuche mich tief hineinzuversetzen in einen Vorgang oder eine Situation, also selbst Tür oder selbst Scharnier zu sein.

 

Dein neuer Entwurf, die office kitchen war die erste Arbeit, die du fast ausschließlich am Rechner gemacht hast. Du mußtest dabei auf Erfahrungen oder auf Erlebnisse zurückgreifen, die Du in Deinem Kopf und Deinem Körper gespeichert hast. Als Beobachter ist man versucht zu meinen, daß eine solche Arbeitsweise irgendwann zu einer inneren Leere führen muß. Noch zwei oder drei Projekte und dann müßtest Du wieder Erlebnisse sammeln, Dich wieder aufladen. Wo bekommst Du entwurfsrelevante Erfahrungen her? Und: Haben Künste in diesem Zusammenhang eine Bedeutung für Dich?

 

Zur ersten Frage: das ist für mich ein richtiges Problem. Ich werde leerer, seit ich meine Werkstatt aufgegeben habe, die eigentlich die Quelle meiner Arbeit war. Ich mußte diese Entscheidung treffen wegen der Berufung nach Weimar. Andererseits habe ich durch das Projekt Office-Kitchen erlebt, wie sich meine Ansprüche auf neues Gebiet, auch auf für mich neue Materialien übertragen lassen und wieviel Neues dabei entstehen kann. Jetzt habe ich dieses Studio hier, das nie eine Werkstatt wird. Ich habe es gewagt, die Werkstatt noch einmal aufzuschieben. Aber irgendwann…

Die zweite Frage: die Künste. Ich kann meinen Kunstbegriff nicht auf die bildenden Künste eingeschränken. Für mich hat Kunst zu tun mit einer eigenen Auftragstellung. Und auch, diesen eigenen Auftrag in einen gesellschaftlichen oder kulturellen oder zivilisatorischen Zusammenhang zu stellen. Er muß eine Wirkung entfalten, also aus dem Atelier herauskommen, und nicht nur an die Museums- oder Galeriewand. Für mich gehören sehr viele Elemente zum Kunstbegriff: Risiko, Spekulation, Experiment und eine sehr weitreichende und verantwortliche Verfolgung eigener Ideen. Etwas, das mit der ganzen Person getan und dadurch auch angreifbar wird. Das ist für mich ein Vorbild.

 

Elegant könnte man das nicht nennen, das Du an den Künsten bewunderst?

 

Ich weiß nicht, ich versuche gerade darüber nachzudenken, welche Werke, welche Künstler mich besonders beeindruckt haben. Irgendwann hatte ich mal ein sehr beeindruckendes Erlebnis mit Beuys und seinen 7000 Eichen, was ich ein sehr elegantes Projekt fand. Auch darin steckte eine Formel, die funktioniert hat.

 

Du bildest Designer aus, was müssen sie unbedingt können? Du selbst hast einen anderen Weg hinter Dir als die, die zu Dir kommen.

 

Worum es häufig geht, ist einen Kontext zu begreifen, sich tief zu involvieren und darauf aus zu sein, die Punkte zu treffen, die ein Potential haben, das verstärkt werden kann. Treffer zu landen. Dabei spielen dann auch Moden, Klischées und Traditionen, Formen und Konstruktionen, also weiche und harte Faktoren eine große Rolle. Im Grunde geht es um ein Verknüpfen, auch ungeahnter Möglichkeiten. Manchmal kann der Entwurf ein Produkt sein, ein Prozeß oder eine Veränderung, die eine Maschinerie überflüssig macht. Immer wieder geht es darum, den Aufwand so minimal, so angemessen, so passend wie möglich zu halten. Das heißt dann auch, ganz simple Fragen zu stellen, wie zum Beispiel: ‚Brauchst du wirklich zehn Schrauben, um das zusammenzubringen?‘ – Das mache ich gern, von der Schraube oder den Schraubbewegungen auszugehen und von dort das ganze Umfeld zu betrachten.

 

Du hast an der Bauhaus-Universität in Weimar das ehrgeizige Projekt realisiert, klassischen Werktstättenbetrieb und computergestütztes Entwerfen räumlich zu integrieren – Analoges durchmischt mit Digitalem.

 

Daten und Späne in einem Raum, Hobelbank und Rechner in Sichtweite bieten die Möglichkeit, zwischen beidem hin und her springen zu können. Der Rechner gibt nur ein Bild vor, das zwar sehr präzise ist, aber ich habe weder Volumen noch Gewichtung, keine Weichheit oder Härte, keinen wirklichen Eindruck, kein Verhältnis zu mir, sondern nur ein Verhältnis zum Bild.

Ich habe selten erlebt, daß das, was ich aus dem Rechner über CAM ausgebe, dem entspricht, was der Rechner vorher in mir als Bild erzeugt hat. Deswegen finde ich die begleitenden improvisierten MockUp-Modelle aus Papprolle, Tesaband und Holzresten oder auch das gezielte Modellbauen mit analogen Materialien extrem wichtig, um vielfältige Beziehungen zu der Aufgabe aufzubauen. Unser Umgang mit den Rechnern ist noch so banal, daß die spiegelnden, aalglatten Oberflächen dominieren. Er erzeugt noch nichts, was ich nicht erwartet hatte. Gefundene Dinge und Materialien – was habe ich gerade in der Tasche – kann mir ein leeres Blatt Papier oder ein leerer Bildschirm nicht bieten ­ dazu aber scannen wir die Gegenstände ein und manipulieren sie digital. Ein Cross-Over von Welten, Daten und Spänen.

 

Für das, was die Hand erfährt an einem Gegenstand, gibt es wenig Worte. Was das Auge sieht, ist einfacher kommunizierbar. Mich interessiert, ob das, was die Hand beurteilt, überhaupt kommunizierbar ist oder ob es in der Hand bleiben muß?

 

Ich denke sofort an Werkzeuge. Denn mit Werkzeugen macht man sehr intensive Erfahrungen über die Hand. Irgendwann kamen die japanischen Werkzeuge nach Europa – die Säge, mit der man eleganterweise zieht, anstatt zu drücken, der wunderbare Hammer, der einen viel längeren Stiel und damit eine ganz andere Gewichtung hat. Sein Eigenleben ist lebendiger, ist nicht stur. Das heißt, ich habe ein Werkzeug, das eine gewisse eigene Resonanz hat, die ich zum Schwingen bringen kann. Der Fuchsschwanz mit Rücken versucht, mit viel Konstruktion so starr wie möglich zu sein. Die japanische Säge läßt vielmehr Spielraum. Ich brauche eine Zeit, um das überhaupt zu spüren, um das zuzulassen, um das zu begreifen. Dann aber kann ich mit einer ungeheuren Leichtigkeit sägen oder hämmern. Dieses Resonanzpotential kann ich negieren, dann ist es fast so wie mit einem westlichen Werkzeug, ich kann sie aber auch aktivieren. Dafür gibt es kein Wort, das ist eine Erfahrung, die nur über die Hand funktioniert.

 

Lieber Axel Kufus, wir danken für das Gespräch.