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_Kölner Klopfer
Rede Zur Preisverleihung


Köln, 20.2.98

Lieber Sven Anvar Bibi,
Liebe Kölner StudentInnen!

Da habt Ihr mir einen kräftigen 'Klopfer' versetzt, Gott-sei-Dank nicht auf die Nase, sondern auf den Rücken! Was heißt denn das jetzt? 'Gut gemacht! Weiter so!' oder
'Nu ma los, Alter, Bewegung!'

Erik Spiekermann, der Preisträger im letzten Jahr, der Mann ist gut trainiert, der dreht sich um und teilt selber aus. Ich aber hatte mich gerade etwas 'verkrümelt'. Zuviel Action, zu viel Hin+Her, Hochschule in Weimar, Projektatelier in Berlin, die liebste Familie, Vorträge hier, Workshops da. Das Spielen, Fummeln und Basteln, die Muße, die Pausen kommen viel zu kurz. Dabei darf das bei der Arbeit nicht fehlen, und schon gar nicht im Leben. Und wenn ich bei Kollegen und Anderen rumfrage : 'mal ganz ehrlich...', geht es fast allen so. Und was kommt raus? Ein Flimmern und Rauschen, hier und heute ganz akut, von tausenden Messe-Möbeln. 'Herr Kufus, und was haben Sie Neues auf der Messe?' - Gar nichts! Und ich frage zurück: Was fehlt?

Sind es die neuen Dinge, die fehlen, oder sind es nicht eher die neue Wege, die fehlen. Wie sieht es hinter den Fassaden aus, hinter den unschuldigen, shakernden Möbelfronten, wie wird der Wald zur Kiste, oder zur Zeit noch billiger, wie wird das öl zum Stuhl. Lustige Lämpchen von lustigen Designern für lustige Leute von lustigen Gesellen extra lustvoll gestanzt, gespritzt, montiert, verpackt. Wenn dem so wäre ...

Wir müssen aufpassen, uns nicht mit reiner Kulissenschieberei zu ver- und be-gnügen. Poesie darf nicht in Formen gegossen werden, sie soll den Alltag beflügeln, aber auch den der Produktion. Wer glaubt, mit grinsenden Autos der Scheisse davon fahren zu können, die wir hinterlassen, wird selig.

Was fehlt, habe ich vorhin gefragt. Als ich Student war, hatte das Kölner Modell gefehlt. Experiment und Prozeß und Praxis im Projekt zu verbinden lernen. Deswegen bin ich raus aus der HDK und rein in eine Projektwerkstatt. Dort fing ich ganz unten an zu verknüpfen: Holz mit Holz, Holz mit Idee, Holz mit Maschine, Maschine mit Mensch, Idee mit Prozeß, Prozeß mit Mensch, Mensch mit Wachstum. Erst lokal, dann überregional, dann dezentral. Den Wachstumsbegriff horizontal zu entwickeln. Nicht konzernhaft dirigistisch, sondern durch Kooperation die Reichweite zu verbreitern. Was weit reicht, ist die Summe, das Produkt vieler Menschen. Alle in diesen Prozessen sind wichtig, und eben auch bei fortschreitender Automation.

Temporär / Akut. Sich ändernd. Flexibel. Schon morgen bilden sich andere Konstellationen. Die Verantwortung bleibt. Sich einmischen und Obacht geben, daß die Idee und etwas von einem übrig bleibt. Sonst fehlt was!

Projekte / Produkte brauchen Zeit. Die Ideenfindung kann manchmal ganz schnell gehen. Bei der Umsetzung dürfen aber die Ideen nicht allein gelassen werden. Das ist dann nicht nur die Zeit der Ingenieure, der Vermarkter und Positionierer, der Quetscher und Gequetschten. Strukturwandel bedeutet: Neue Wege / Neue Ufer. Das ist Eure Zeit: intelligent verknüpfen, forsch experimentieren, kreativ erproben, scharf nachschauen, gekonnt kooperieren, wachsen lassen und - behüten.

In Weimar backen wir ganz kleine Brötchen. Wenn ich unsere beiden Schulen vergleiche, sind wir die chaotische WG und Ihr die propere Familie mit Familienvater. Der rauhe Osten blüht längst noch nicht, es sieht dort eher aus wie ein frisch umgepflügter Acker. Dementsprechend schwer sind die Schritte und Schrittchen. Spitzenbürokratische Tradition und Weimarer Geistesgrößenwahn kommen hinzu.

Um unsere Fakultät Gestaltung auf die richtige Betriebstemperatur zu bringen, brauchen wir in dieser Provinz noch eine Menge krimineller Energie. Wir locken so einige Studenten und Profis aus anderen Ländern an, um Projekte mit der Provinz, z.B. die Weimar Souvenirs 1999 zu machen. Von Euch hier hochgehoben frage ich : Wer hat Lust und Kraft, im nächsten Semester rheinischen Froh-Sinn hinzuzusteuern. im Sinne der Verknüpfungen und im Sinne der 'Bewegung'.





 
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