Standbein/Spielbein

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Das Spiel mit dem Standbein ist ein riskanter Akt, der Gleichgewichts- und Reaktions-

vermögen herausfordert, damit wir nicht stolpern oder gar fallen: wohin mit dem anderen Bein, wie die Balance halten, welche neue Position finden?

 

Ein Dilemma, das in der klassischen Figur des Kontrapost aufgegriffen wird, in der die Aufgaben harmonisch verteilt sind: Durch Übernahme aller Lasten ermöglicht das Standbein dem Spielbein Aktionsbereitschaft und liefert damit das Vorbild für ein ganzkörperliches Zusammenspiel von Spannung und Entspannung, Ruhe und Bewegung, Grundlage und Möglichkeit.

 

Wer dagegen mit beiden Beinen auf dem Boden steht, erzeugt paradoxerweise eine labile Statik, die nur in Fällen gewichtiger Belastungen von oben ratsam erscheint, falls die Situation nicht ohnehin den Ausfallschritt zur Erweiterung der Standfläche erfordert. Beide Beine im Spiel hingegen machen schnell atemlos und kanalisieren die Energie aller Sinne in Richtung Kraftreserve für den weiteren Ablauf des einmal Begonnenen.

 

Das Standbein wird häufig als Metapher für das Grundvermögen, die Kernkompetenz oder Produktionsbasis verwendet, das Spielbein steht für Forschung und Entwicklung. Doch ist mit dieser straffen Funktionsteilung schon das Ideal einer Persönlichkeit oder eines Betriebssystems erreicht? Wer will schon – zu Lebzeiten – als klassische Statue enden? Oder – etwas sportlicher ausgedrückt – als Basketballer im Sternschritt, der im Radius um sein einmal gesetztes Standbein nur noch den Ball abgeben kann?

 

Dagegen hilft uns der stete Wechsel von Standbein und Spielbein, in Bewegung und am Leben zu bleiben. Wer das Standbein aufs Spiel setzt, stellt im übertragenen Sinne die eigenen Ressourcen und Standards auf die Probe, wirft sie in den Ring, konfrontiert sie mit Forschung und Entwicklung, mobilisiert Experimentier- und Innovationskraft, verknüpft das Gesetzte mit dem Freien, das Gekonnte mit dem noch nicht Gewagten, das es zu entdecken und (kennen-)lernen gilt. Denn auf diesem Neuland, dem neu Gemeisterten, können Standbeine Halt finden und sich auf das nächste Spiel vorbereiten. Ein derartiges Wechselspiel ist riskant; es erfordert viel Offenheit und Energie und überfordert möglicherweise das Alltagsgeschäft der Routiniers, es bringt Unruhe in die Konzentration der Disziplinen, kann ungeahnt und ziellos verrauschen, oder – im besten/schlimmsten Fall – enorme Potenziale freisetzen, die es kaum abwarten können, genutzt zu werden.

 

Mit dem Design Reaktor Berlin haben wir ein experimentelles Projekt gestartet, das die Stand- und Spielbeine vieler Beteiligter aus Hochschule, Unternehmen und Markt in Bewegung setzt. Die Spielregeln der Reaktor-Prozesse sind grenzüberschreitend. Die Verknüpfung kreativer Designstrategien mit technologischen Ansätzen aus Betrieben jeglicher Couleur und den ökonomischen Möglichkeiten diverser Verwertungswege öffnet den Weg für neue Produktideen unabhängig von vorhandenen Produktionskapazitäten und Vertriebsmöglichkeiten, also unabhängig vom jeweiligen Standbein. Diese gemeinsame Entwicklung fördert gleichzeitig Qualitäten, die im Rahmen einer klassischen Design-

dienstleistung oder Eigenproduktion nicht entstehen könnten. Die Werkstatt wird zum temporären Labor, der Standort zum Spielfeld, die vereinzelten Disziplinen zur gemeinsamen Entwicklungskompetenz. Der Prototyp ist das Produkt, der Markt ist global. Ein Treffer, der seinen Weg in die Welt findet, Innovationshürden beseitigt und Rückflüsse erzeugt, ist damit selbstverständlich noch nicht garantiert. Aber riskiert.

 

Schon die ersten heißen Monate des Design Reaktors Berlin haben über Verknüpfungen, Verdichtungen und Wechselwirkungen das enorme Potenzial künftiger Kooperationen sichtbar gemacht. Die Spitze eines Eisbergs, der bei Weitem noch nicht ausgelotet ist.

Natürlich fehlt es an Erfahrungen mit geeigneten Formaten und der praktischen Integration in verschiedene Kontexte, es fehlen kreative Plattformen zwischen den forschenden und lehrenden Disziplinen und vitale Verknüpfungen zum Markt. Aber woran es nicht fehlt, sind die Möglichkeiten, um sie zu schaffen.

 

Die Bereitschaft wächst. Zunehmend wird der Standort Charlottenburg als gemeinsamer Campus von Technischer Universität und UdK begriffen, der einen vielfältigen Zugang zu den versammelten technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Einrichtungen und Kompetenzen ermöglicht. Offene Spielplätze in der Forschungslandschaft werden zum idealen Pflaster für die Gründung, Ansiedlung und Beteiligung von Unternehmen. Die Zeit ist reif für ein weitreichendes Zusammenspiel, für den Tanz von Standbein und Spielbein.

 

 

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Design Reaktor Berlin: Bilanz

Universität der Künste Berlin (Herausgeber)

Verlag: Universität der Künste Berlin; Auflage: 1., Aufl. (Dezember 2008)

ISBN-10: 3894621664