SADA-Reaktor: ein deutsch-chinesisches Experiment

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Experimenteller Workshop an der Shanghai Academie of Art and Design im November 2011

 

Konzeption und Projektleitung: Marc Piesbergen und Axel Kufus, Interinstitut Berlin

Workshop-Leiter: Judith Seng, Esra Rotthoff, Jörg Höltje, Ronen Kadushin

Organisation: Jun Yan und Siegfried Vogelsang, GFBM Akademie Berlin

Übersetzung: Liwen Ouyang

Projektleitung bei SADA: Prof. Jerry Wang

 

Dokumentation:    issuu.com/schwarmlabor/docs/sada_reaktor_interinstitut_kufus_pi?e=2221563/5405619

 

 

Einführung

 

Design hat mit seiner großen Wirkungsmacht wie in einem weltweiten Siegeszug die Entwicklungen unserer Lebens- und Arbeitswelten bestimmt. Alle Wechselwirkungen zwischen Mensch und Technik, seien sie auf klassisch-analoger oder digitaler Basis, sind durch Design beeinflusst. Von seinen Qualitäten hängt die Balance der sozialen, kulturellen, ökologischen und ökonomischen Entwicklungen auf dieser Welt ab.

 

Die Anforderungen an das Design sind von höchster Komplexität, wenn ideale Verknüpfungen von Mensch und Produkt, Welt und Produkt, Aufwand und Nutzen, Wirkung und Nebenwirkung, Funktion und Handling, Corporate Design und Eigenständigkeit, Aktualität und Werterhaltung, Herstellung und Entsorgung, Ökonomie und Ökologie, Preis und Leistung, Angebot und Nachfrage gelingen sollen.

 

Schon längst geht es nicht mehr nur um die reine Formgebung oder das Styling von Produkten im Wettbewerb der globalen Warenwelten. Die Ressourcen der Welt sind endlich, aber gleichzeitig wächst der globale Bedarf an Konsumgütern, Wohnraum, Mobilität und Transport in großen Schritten.

 

Das Design trägt mit seiner machtvollen Rolle, durch Attraktivität den Bedarf an Gebrauchs- und Luxusgütern zu steigern, eine große Verantwortung dafür, ressourcenschonende, nachhaltige, synergetische und soziale Qualitäten umfassend mit der Produktion, Nutzung und Entsorgung von Produkten aller Art zu verknüpfen, wenn die weitere Entwicklung unserer Zivilisationen zukunftsfähig bleiben soll.

 

An der UdK Berlin haben wir das Ziel, die Studierenden im Erkennen von Problemstellungen und Potenzialen zu sensibilisieren, sie in analytischen, experimentellen und reflektiven Vorgehensweisen auszubilden, sie im kreativen, innovativen und kooperativen Entwickeln von eleganten Lösungsstrategien zu unterstützen und damit ihre Persönlichkeitsbildung als selbstständig und verantwortlich denkende und handelnde Designer zu fördern.

 

Ein Studium ist viel zu kurz, um alle Techniken und Strategien zu thematisieren, geschweige denn zu teachen, derer sich das Design in den verschiedensten Feldern bedient, um Produkte und ihre Nutzung in die unterschiedlichsten Arbeits- und Lebenswelten einzuschleusen. Dem Absatz durch Kauf für den individuellen Besitz bieten sich durch Leasing, Sharing, Nach- und Umnutzungen bis hin zu Down- und Upcycling-Konzepten Alternativen, die ein Bündel unterschiedlichster Qualitäten für den gesamten Life-Cycle in den Focus rücken. Die klassischen Herstellungsweisen von industrieller Massenware bis zu handwerklicher Einzelanfertigung sind längst um MassCustomizing, Production-On-Demand, DIY oder auch Fab@Home erweitert worden. Hinzu kommt die stürmische Entwicklung neuer Werkstoffe und Verfahren, gleichzeitig die fortschreitende Miniaturisierung, Digitalisierung und die dadurch mögliche globale Vernetzung.

 

Schon in der Zeitspanne eines 5-jährigen Studiums und vor allem in einem 40-jährigen Berufsleben werden sich die Anforderungen an den Beruf erheblich verändert haben. Nur durch lebenslanges Lernen, kreativen Umgang mit Problemstellungen und der Fähigkeit, interdisziplinär zu kooperieren, kann dieser Herausforderung aktiv und qualitätsvoll begegnet werden. Deshalb setzt die UdK Berlin auf das Projektstudium, in dem exemplarische Themen in der Breite und in der Tiefe recherchiert, individuell bearbeitet und multiperspektivisch reflektiert werden.

 

Lernen, wie man sich Wissen verschafft, Erfahrungen sammeln, wie man über den eigenen Kompetenzbereich hinaus mit anderen Disziplinen kooperiert und kreative Methoden entwickeln, wie man komplexe Fragestellungen durch experimentelle Modellstudien sichtbar und begreifbar und Lösungsvorschläge erprobungsfähig macht, das sind wesentliche Qualifikationen für den Designberuf, die in einem Studium vermittelt werden sollen. Der Schlüssel liegt aber in der kreativen Kraft, Intuition und Analyse, Spontanität und Sorgfalt, Schärfe und Unschärfe immer wieder neu miteinander zu verknüpfen und Komplexität in einem Entwurfsprozess verdichten zu können, der die Vielzahl der oben genannten Anforderungen miteinander in Wechselwirkung bringt. Durch individuelle Förderung der so unterschiedlichen Talente geben wir den Studierenden die Chance, ihre Persönlichkeit zu entwickeln, mit Offenheit für Inspiration, mit Mut zum Risiko, mit Vision zur Ansteckung und mit Sorgfalt zur Verantwortung.

 

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Wie unterschiedlich Bedingungen und Ziele in der Designausbildung in Deutschland und in China sind, erfuhren wir bei einem ersten Treffen mit den Professoren von SADA in Berlin, als wir über mögliche Formate der Kooperation ins Gespräch kamen. Sie waren begeistert von unserem Projekt „Design Reaktor Berlin“ und baten uns, dieses Konzept speziell an die SADA anzupassen und dort durchzuführen.

 

Der „Design Reaktor Berlin“ hatte im Jahr 2007 50 Berliner Klein-Unternehmen und über 80 Studierende aus den diversen Design-Disziplinen der Universität der Künste zu einem experimentellen Cross-Over angestiftet. Die Gewerke stellten ihr KnowHow, ihre Materialien und ihre Verfahren zur Verfügung, die angehenden Mode- und Produkt-Designer, Grafiker und Kommunikationsstrategen konnten, unterstützt durch Initial-Workshops und internationale Experten aus Design und Business, in dem großen Strauß aus Potenzialen durch experimentelle Verknüpfungen innovative Produktideen entwickeln und realisieren. Resultat waren 52 gemeinsam entwickelte Prototypen, 5 Patentanmeldungen und in der Folge mehrere Design-Preise, Markteinführungen und ein großes Maß an vitaler Energie, die bis heute in vielen Feldern Anstöße für weitere CrossInnovation-Prozesse erzeugt.

 

Eine einfache 1:1-Übertragung auf die so unterschiedlichen strukturellen und kulturellen Bedingungen in Shanghai und an der SADA war sicher nicht möglich, wenn man bedenkt, welche Voraussetzungen und wieviel Vorbereitung ein solches Projekt in Berlin schon erforderte. Aber ein Anfang kann gemacht werden und wir schlugen vor, unsere Zusammenarbeit mit einem Experiment zu starten.

 

Denn das Experiment spielt bei uns eine zentrale Rolle im innovativen Designprozess. Anders als im wissenschaftlichen Experiment dient das künstlerische Experiment nicht der Überprüfung einer zuvor aufgestellten These. Vielmehr ist es ergebnisoffen, situativ, improvisiert und zielt weniger auf objektive Wiederholbarkeit als auf Findung und Verzweigung von Ideen und auf Weckung und Anreicherung von Potenzialen.

 

Das wesentliche Medium im Experiment ist das Modell. Das experimentelle Modell profitiert von seiner hohen Interpretationsoffenheit bei gleichzeitig starker Präsenz der eingesetzten Mittel und Verfahren. Der Verlauf des Experiments kann Modell sein für einen Prozess. Die Materialisierung in einem Experiment kann Modell sein für ein Objekt, ob maßstäblich, funktional, formal, dynamisch, symbolisch. Schließlich kann das Modell auch für sich selbst stehen, also auch jenseits des Labors Teil von Welt werden.

 

So wurde der „SADA-Reaktor“ als erstes Experiment einer Kooperation gestartet und war selbst in allen Phasen experimentell aufgestellt. Konzeption, Verlauf, Ergebnisse und Reflektion sind im Folgenden aus den individuellen Perspektiven der Akteure dokumentiert. So wird die Reichhaltigkeit der Motive, Strategien, Impulse und Interaktionen im Detail sichtbar und nachvollziehbar.

 

Die Vielfalt und Qualität der Modelle, die der SADA-Reaktor hervorgebracht hat, war für alle Beteiligten überraschend. Auch wenn die wundervollen Objekte aus dem Zusammenspiel der Früchte aus der Natur und der Phantasie der jungen Designerinnen und Designer längst auf dem Komposthaufen gelandet sind – das Modell eines experimentellen Workshops, der die Sensibilität, Kreativität und Poesie der Studierenden fördert, hat die enormen Potenziale gezeigt – und eine Reihe von Herausforderungen erzeugt.

 

Wird SADA ein solches Format weiterentwickeln und in das bestehende Curriculum integrieren? Können die experimentellen Methoden mit den klassischen Gestaltungsprozessen so verknüpft werden, dass das individuelle Entwurfsvermögen gestärkt wird? Wie kommen die Studierenden aller Design-Richtungen, die an der SADA gelehrt werden, mit den Methoden des experimentellen Arbeitens in Berührung? Wie können die verschiedenen Disziplinen voneinander und miteinander lernen?

 

Hier setzt unser Vorschlag für eine weitere experimentelle Entwicklung eines neuartigen, speziellen SADA-Formats an: das Projekt-Atelier. Hier sollen die besten Bewerber aus den Studiengängen zur Krönung ihrer Ausbildung an der SADA ihre kreative und interdisziplinäre Kompetenz stärken können. In konkreten Kooperations-Projekten mit der Wirtschaft arbeiten die jungen Designerinnen und Designer in gemischten Teams in allen Entwicklungsphasen eines Projekts von Konzeption und Entwurf über Detaillierung und Abstimmung bis zum Prototyping oder zur Umsetzung. Betreut werden die Teams sowohl von Dozenten aus der SADA wie auch von einem Projektleiter des Kooperationspartners.

 

Ein solches Projekt-Atelier kann als zusätzliches Semester oder Studienjahr von der SADA angeboten werden. Es nutzt die reichhaltigen Ressourcen der SADA, die zur disziplinären Ausbildung noch meist parallel zueinander angeordnet sind, für die synergetische und interdisziplinäre Kooperation und entwickelt so mit Partnern aus der Wirtschaft ein zukunftweisendes Ausbildungs-Format.

 

Alle Beteiligten werden in hohem Maße von diesem Modell profitieren:

 

Die Studierenden lernen in der Ausbildung als Mitglied eines professionellen Projekt-Teams zu agieren. Sie können von den Arbeitsweisen der anderen Disziplinen lernen und ihre Interaktionsfähigkeit stärken. Ihr Portfolio wird um wesentliche Design-Kompetenzen erweitert.

 

Die Partner aus der Wirtschaft können in Kooperation mit der SADA Studien und geeignete Projekte durchführen und dabei nach künftigen Mitarbeitern Ausschau halten. Das Projekt-Atelier wird auch als Vernetzungs-Plattform mehrerer beteiligter Unternehmen dienen.

 

Die SADA wird ihr Profil als zukunftsweisende Ausbildungsstätte für Design-Berufe weiter stärken. Hier werden neben den zahlreichen Design-Disziplinen auch die interdisziplinären Kompetenzen an experimentellen Praxis-Projekten ausgebildet, wofür es eine hohe Nachfrage in allen Bereichen der Kreativ-Wirtschaft gibt.

 

Aus meiner Sicht geht eine solche Bereicherung der Ausbildung natürlich weit über die Befriedigung einer aktuellen Nachfrage hinaus. Sie ermöglicht den Menschen vielmehr die Entwicklung grundlegender Kompetenzen, durch kreatives, selbständiges und verantwortliches Denken und Handeln die Zukunft unserer Welt mitzugestalten.

 

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Von dieser Stelle aus danke ich Jun Yang und Siegfried Vogelsang für die Initiative, für das Matching und für das reibungslose Management unserer Kooperation, meinem Partner Marc Piesbergen für die dynamisch-kreative und umsichtig-ermöglichende Organisation, LiWen für die so wertvolle interkulturelle Begleitung auf allen Ebenen, den Designern Judith Seng, Jörg Höltje, Ronen Kaduschin und Esra Rotthoff für ihre phantasievolle Begeisterung und gekonnte Ansteckung, den Leitenden, Lehrenden und Mitarbeitern der SADA, insbesondere Jerry Wang, der mit vollem persönlichen Einsatz bei Tag und Nacht das Gelingen des Experiments ermöglicht hat und natürlich bei den Studentinnen und Studenten der SADA, die sich über alle kulturellen Barrieren hinweg mit großer Neugier und wachsendem Mut in das experimentelle Abenteuer gestürzt haben.

 

 

Prof. Axel Kufus, InterInstitut Berlin