ReinstRäume infizieren.

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aus: ‚Ästhetik & Kommunikation‘, Heft 149, 41. Jahrgang, 2010

Ein Gespräch mit Andreas Galling-Stiehler

 

 

Herr Kufus, im Wintersemester 2009 haben Sie mit Ihren Kollegen an der Universität der Künste Berlin Studenten verschiedener Fachbereiche – vom Produktdesign über AudioVisuelle-Kommunikation bis zur Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation – zu einem Projekt mit dem Titel „Virale Strategien“ zusammengebracht. Was war Ihre Idee dabei?

 

Die Universität der Künste ist ein großes und vor allem weit verzweigtes Gebilde – auf mehrere Stadtteile verteilt. Dadurch sind die Disziplinen, die ja eine gemeinsame Wurzel haben und eigentlich viel miteinander veranstalten könnten, weitestgehend getrennt. Man muss sich verabreden und Termine organisieren, sonst kommt man nicht zusammen und wird auch nicht zusammen arbeiten. Uns fehlen die Hintertüren, die Ameisenstraßen, aber auch das übereinander Stolpern.

 

Die Idee des Campus ist für mich eigentlich das zentrale Moment in einer Universität – wenn sie das wörtlich nehmen, ist es eine starke Metapher: das lateinische Wort campus bedeutet im Deutschen Ebene, Feld und Spielplatz zugleich. Mit unseren 15 Standorten müssen wir an der Universität der Künste einen solchen Campus neu erfinden. Mit einem „virtuellen Campus“ ist es nicht getan – der hat kein Fleisch und Blut für ein gemeinsames Arbeiten. Das ist also der Hintergrund unseres Projektes.

 

Die Idee, Studenten unterschiedlicher Fachbereiche in einem Kurzprojekt eines Campus zu infizieren, dockt auch etwas an den Traditionen der Universität an. Hier gibt es zum Ende des Sommersemesters den so genannten „Rundgang“. Dabei öffnen alle Fachbereiche ihre Türen und die Studenten stellen ihre Arbeiten zur Schau. Dieser gemeinsamen Präsentation wollten wir eine Arbeitswoche, im Sinne einer gemeinsamen Kreation, gegenüberstellen. Dafür bedarf es nur drei Regeln: Für teilnehmende Studenten ist der reguläre Unterricht in ihrem Fachbereich ausgesetzt. Mindestens zwei Dozenten aus unterschiedlichen Disziplinen müssen ein gemeinsames Angebot verabreden. Und drittens: die Studenten müssen raus ihrem Haus.

 

Und jetzt komme ich zum Virus: Bei einem solchen Projekt machen natürlich nicht auf Anhieb alle mit – schliesslich gibt es ja Studienordnungen und buisness as usual. Da muss man Dozenten und Studenten anstecken. Und wenn man ihnen, egal aus welchem Fachbereich sie kommen, ein extraterritoriales Erlebnis anbietet, das sie dann in ihr gewohntes Territorium mitnehmen und dort nutzen können, funktioniert das. Gerade für Studenten ist das ein dreifacher Joker: der exotische Reiz der Kollegen und ihrer Disziplinen, die knackige Herausforderung gemeinsam ein treffendes Thema auszuhecken und der Wettbewerb unter allen beteiligten. In der Fremde steckt man sich leichter an und trägt die Infektion nach Haus. Und was lag da näher als die Idee, dass sich das Projekt erstmal selbst zum Thema macht: Kurzzeitprojekt Virale Strategien.

 

 

Was ist dabei rausgekommen – ein Design-Virus oder eine Art virale, endemische Gestaltung?

 

In erster Linie zeigt sich in solchen Projekten das Potenzial einer Universität der Künste, in der sich Gattungen und Disziplinen wechselseitig bereichern. Das Pilot-Projekt hat dann auch eine Art Kaskade der Ansteckung bewirkt – bei den mitwirkenden Studenten, dem „Lehrkörper“ und der UdK als Organisation, in der sich ein Jahr nach dem Start der Kurzprojekte mittlerweile das Angebot verdoppelt hat. Das kann man schon eine endemische Wirkung nennen.

 

Die Arbeitsergebnisse des Kurzzeitprojektes Virale Strategien waren sehr weit gefächert. Das Spektrum beispielsweise unserer Kooperation zwischen Produktdesign und Gesellschaft- und Wirtschaftkommunikation reichte von einem ansteckenden Marketingkonzept für Wick-Bonbons über die Nutzung von Tickets für den Nahverkehr als Ressource für virale Kunstwerke im öffentlichen Raum und temporär geparkte Gärten als ansteckendes Stadtgrün bis zu viraler Mode und einer Cigarette Chalk (Zigaretten-Kreide), mit der Raucher in viralen Guerilla-Aktionen ihre Raucherzonen markieren. Alle Gruppen des Projektes hatten das Ziel, durch nachvollziehbare öffentliche Aktionen das Thema Virus auf den Punkt zu bringen.

 

Die Qualität des kreativen Virus besteht darin, dass er in einer komplexen Umgebung in eine Lücke trifft und dort eine große Wirkung entfalten kann – mit dem Organismus des Wirtes und seinen Kräften gegen ihn bzw. gegen seine Routinen.

 

Die Virus-Metapher ist gerade in der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation eine in den letzten Jahren auch viel bemühte. Das nennt sich dann Viral Marketing oder Viral Campaigning. Dahinter stehen oft Konzepte mit festgelegten Mechaniken. Dazu gehören z. B. Phasenmodelle für „Aussaat“ (Seeding), Infektion, Inkubation und Verbreitung. Allerdings ist bei diesen Konzepten nicht immer klar, was eigentlich das Virus sein soll – Produkt, Image, Partei, Werbegag o. a. – und was der Wirt – „Message“, Media, Konsument, Produzent, Wähler etc. Kann man in der Gestaltung damit etwas anfangen?

 

Aus meiner Erfahrung spricht man im Nachhinein gern mal von Mechanik – weil man sie in der Rückschau auf die Prozesse identifizieren kann. Aber bei solchen Projekten treten doch immer Mechanismen auf, an die man im Leben nicht gedacht hätte und die postulierte Formalisierungen solcher Art völlig durcheinander bringen.

 

 

Der Begriff der Ko-Autorenschaft gehört zu viralen Prozessen in der Gestaltung – ein auch für Sie zentraler Begriff. Sie gehören zu den Initiatoren des Design Reaktor Berlin, einem vom Berliner Senat geförderten Projekt, das nicht nur Studenten verschiedener Fachbereiche der UdK zusammengeführt hat, sondern auch mittelständische Unternehmen mit ihren Produkten und Produktionstechnologien einbezogen hat. Die Idee: Ein Reaktor, in dem kreative Kettenreaktionen zu realistischen Produktinnovationen führen. Mit Unterstützung der Lehrenden haben Studenten im Design Reaktor für zahlreiche Unternehmen neue Produkte und Vermarktungskonzepte entwickelt – von einem Fragment Store, in dem sich Kunden aus verschiedenen Fragmenten ihre individuelle Lampe zusammenbauen konnten, bis zu einem Teebeutel, der anzeigt, wie lange der Tee schon gezogen hat. Von der Materialauswahl bis zum Vertriebskonzept haben die Autoren hier zusammengearbeitet. Die Patente, die dabei entstanden sind, lassen sich als Gemeinschaftstexte lesen. Nun haben ja wie gesagt auch virale Gestaltungsprozesse etwas mit Ko-Autorenschaft zu tun. Schaut man auch hier auf die Kommunikation, hat das ja durchaus zwei Seiten. Im Internet z. B. reicht Ko-Autorenschaft von einer bedrückende Fülle privater Belanglosigkeit und Kommerz in Social Webs wie Facebook über fragwürdige Experten-Foren zu allen möglichen Fragen bis zu situationistischer Web Art und kritischen Öffentlichkeiten, etwa angestoßen durch Plattformen wie Wiki Leaks. Passiert in der Gestaltung mit der Ko-Autorenschaft Vergleichbares?

 

In dem Design Reaktor-Projekt sind wir auch so gestartet, dass wir Ressourcen und Player intensiv miteinander ins Spiel gebracht haben. Durch temporäre CrossOver-Matchings haben wir Hochdruck erzeugt. Bei der großen Vielfalt an Ingredienzien waren die Reaktionen nicht absehbar – nur dass es welche geben würde, war klar. Es ging darum, Improvisationskunst mit höchster Aufmerksamkeit zusammen zu bringen. Dabei durften die Ergebnisse nicht als schnelle Effekte verdampfen. Es ging also nicht nur um Produktgestaltung, sondern auch um Prozessgestaltung. Und zu diesem Prozess gehört die Provokation von Überraschung ebenso wie der Verzicht auf jeden Filter, um neue Potentiale zu entdecken – kein Maschendrahtzaun zwischen nützlich und nicht-nützlich, vernünftig oder verrückt. Das ist ein Akt des Entdeckens und Interpretierens, der ständiger Anreicherung erzeugt. Einmal geborene Ideen werden dabei radikal gehackt – ein Fahrradlenker wird als Propeller dekontextualisiert und umgekehrt. So entstehen neue Formen und Funktionen, die dann als produktives Missverständnis oder mögliche Verzweigung genutzt werden. Im Gegensatz zum klassischen linearen Verfolgen und Verfeinern entstehen so ganz andere Loops.

 

Tragischerweise funktioniert in vielen Bereichen Ko-Autorenschaft noch nicht einmal auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner des Kompromisses. Im experimentellen Design dagegen habe ich die Erfahrung gemacht, dass komplementäre und auch spannungsgeladene Konfrontationen in Ko-Autorenschaften sehr viel Potential erzeugen können – weit über die klassischen Symbiosen von Designern und Ingenieuren oder Räubern und Gendarmen hinaus. Es bringt was, Reinsträume mit Dreck zu infizieren.

 

 

Und zum Schluss: Mit welchem Virus haben Sie gerade zu schaffen?

 

Die Universität als hochkomplexe Organisation ist ein guter Nährboden für Grassroot-Projeke wie unser Kurzzeitprojekt Virale Strategien. Denn die Uni lässt viele Lücken zwischen ihren Strukturen, Disziplinen und Lehrformaten. Sie erweist sich als immunschwach – von unten können neue Formate eingespeist werden und wenn diese „bottom ups“ interessante Potenziale wecken, vermehren sie sich gerne. Doch sobald es dann sozusagen um den Fortbestand der bürokratischen Abläufe geht und damit also auch an die DNA der Universität selbst, starten Kontroll- und Selbstverteidigungs-Mechanismen von oben – die „top downs“. Ob dann durch Erweiterung und Intergration eine Reform gelingt oder durch systemische Überformung nur die Abwehrmechanismen gestärkt werden, ist – ich sage es mal salopp – Glücksache.

 

 

Herr Kufus, vielen Dank für dieses Gespräch!

 

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