Partituren
für konzertierte Projekte

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Herr Kufus, Sie lehren heute an einer Hochschule (der UdK Berlin), an der Sie vor vielen Jahren selbst eine Zeitlang studiert hatten.

Wie würden Sie die Unterschiede im Verständnis des Studiums und seiner Inhalte von damals und heute beschreiben?

 

Ich war damals nicht der typische Studienbeginner, sondern zuvor schon einige Jahre selbstständig, hatte mit Bildhauern in einer Industriebrache Werkstätten für Holz, Metall und Bronzeguß aufgebaut, arbeitete projektbezogen mit ihnen zusammen und drückte dann für die Meisterprüfung im Tischlerhandwerk einige Monate lang die harte Schulbank.

Mit meiner damaligen Partnerin, der Künstlerin Ulrike Holthöfer, realisierte ich Objekte, teils skulpturale, teils möbelartige. Mich interessierte vor allem, mit extrem einfachen Strategien in gefundenen Kontexten Veränderungen herbeizuführen, Streiche zu spielen.

Unsere AdHoc-Möbel wurden, für den Kontext  „Neues Deutsches Design“ typisch, vor allem medial produziert. Mich provozierte das dazu, herausfinden zu wollen, wie reale Serien entstehen können und ich forschte nach neuen Strategien der Vervielfältigung: Vernetzung „alternativer“ Strukturen, Werkstatt als Labor, elegante Herstellungsprozesse, minimaler Materialeinsatz, Produktion bei Bedarf.

 

Ich hatte also jede Menge vor, und das passte überhaupt nicht zum Jahrgangsstufen-Programm der UdK. Deshalb verließ ich die Hochschule bald wieder, um eine Werkstatt für Entwicklung und Produktion in Berlin-Schöneberg mit aufzubauen. Ähnlich ging es auch einigen Studien-Kollegen, die ihren Weg vorzeitig ausserhalb der Udk suchten und fanden.
Diese Fliehkräfte entstehen, wenn die Kunsthochschulen es nicht vermögen, Arbeitsplattformen für freie Projekte, ich nenne es mal Projekt-Ateliers, anzubieten, um von den „externen“ Inhalten dann auch zu lernen. Ich hoffe, dass wir im Rahmen der Masterstudiengänge ein solches Atelier an der UdK entwickeln können.

Das durchstrukturierte Studium mit konsekutiven Jahrgangsstufen mag in einigen Disziplinen seine Berechtigung finden, nur eben keine flächen­deckende. Im schlimmsten Fall klappert der „UniPauschalReiseBus“ die inszenierten Inhalte nach vorgegebener Reihenfolge für die kollektiven Schnappschüsse ab. „Alle wieder einsteigen!“ lässt die Infektionsrate sehr gering bleiben.

 

Aber es geht um Ansteckung. Beiderseits.
Und dann um kompetente, individuelle und gleichzeitig vernetzende Betreuung oder Kooperation. Dabei ist es immer wieder nötig und lohnend, sich Basics zu verschaffen, wie in jedem professionellen Projekt auch. Warum Grundlagen gerade am Anfang eines Studiums in massiver Form und ohne Verknüpfung „verheizt“ werden sollen, ist mir immer wieder ein Rätsel.

 

Für das dazu im Kontrast stehende „Markt-Modell“ mit in Qualitäten und Inhalten konkurrierenden Angeboten, das hochschuloffen den Studierenden jeden Alters – und bitte auch Lehrenden – zugänglich ist, müssen noch Navigations- und Kommunikationsinstrumente,  möglicherweise Leitfäden und Routen-Begleitung, temporäre Cluster und warum nicht auch Partituren für konzertierte Projekte entwickelt werden. Das sehe ich als die Chance im BA/MA-Prozess.

 

Das Projektstudium innerhalb der Gestaltung gilt als anwendungsorientiertes Studium. Bleiben dabei trotzdem Freiräume zur Bearbeitung von Forschungsthemen? Wie können sich diese beiden Bereiche untereinander ergänzen und stimulieren?

 

„Anwendungsorientiert“ und „forschend“ stehen für mich nicht im Widerspruch zueinander. Anwendungsforschung im Kontext beispielsweise neuer Techniken, neuer Materialien, neuer Verfahren oder auch neuer Verhaltensweisen ist ein hochinteressantes Arbeitsfeld im Design.
Die Erprobung des Experiments in der Praxis erzeugt erst Relevanz.
In Hochschulprojekten können gleichzeitig sowohl experimentelle wie analytische Wege verfolgt und zur Wechselwirkung gebracht werden.Die Freiräume dort fordern doch gerade dazu auf, interessante Projekt­partner mit interessierten Projektteilnehmern über brisante Themen­stellungen zusammenzubringen.Die Konzeption und Konkretisierung der eigenen Aufgabenstellungen und ihre gestalterische, qualitative Umsetzung ist der wesentliche Freiraum und damit wächst natürlich auch die Verantwortung jedes Studierenden bzw. eines Projektteams. Diese Projektkultur gilt es nach Kräften zu ermöglichen, zu begleiten und zu fördern.

 

Wenn wir von Interdisziplinarität in der Gestaltung und im Projektstudium sprechen – welche Disziplinen und Schaffensbereiche würden Sie für Dialoge und Kooperationen mit Design (und Designern) als besonders wichtig und zukunftsorientiert erachten?

 

Gibt es überhaupt Bereiche, die durch Design noch niemals geküsst oder sogar vergewaltigt worden sind? Gleichzeitig passieren täglich Begegnungen, die jede Gestaltung vermissen lassen. Gestaltungsbedarf entsteht und vergeht aus meiner Sicht permanent, global und lokal.
Dort, wo die allgemeine Entwicklung starken Wandel erzeugt, ist der Gestaltungsdruck natürlich ernorm hoch, als Ursache und in Folge: z.B. von Beschleunigung, Miniaturisierung, Vernetzung, Globalisierung usw.
Um dort wirksam agieren oder reagieren zu können, sind umfangreiche, wenn nicht allseitige Verknüpfungen nötig. Und diese gilt es zu gestalten. Ich sehe keine pauschalen Prioritäten für einzelne Kooperationen, aber Nachholbedarf in der Prozessgestaltung mit Einbeziehung von Selbstorganisations-Strategien, der Komplexitäts­forschung und der um Evolutions- und Genforschung erweiterten Bionik.

 

Worauf sollte ein Gestaltungsstudium die Studierenden heute vorbereiten, mit welchen Fähigkeiten sollte es sie ausrüsten?

 

Gestaltung ist immer ein Eingriff in den Lauf der Welt. Mit der Welt zu arbeiten heisst nicht, den Mainstream zu bedienen, sondern sie so gut wie möglich wahrzunehmen und so intelligent wie möglicht zu verstehen, mit ihr umzugehen. Dabei hilft die riesige Palette unserer Möglichkeiten und ihrer Wechselwirkungen: die Intuition, das Spiel, die haarscharfe Analyse, die einschneidende Maßnahme und, wenn bitter nötig, auch Sand im Getriebe.

 

 

Entscheidungen treffen und neue vorbereiten, Fragen stellen, wo keine sind, finden und erfinden, Weit- und Nahsicht, Mut, sich einzumischen, Vorhaben entwickeln, zielen und treffen können…

 

So starte ich die nach oben offene Aufzählung zu ihrer letzten Frage.

 

Axel Kufus

 

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aus: Design Education,

Hans Höger,
Editice Abitare Segesta, Milano, 2006
ISBN 88-861166-87-x

>www.abitare.de

>www.unibiz.de