Formen von Scherben

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‚Von den Materialien‘.

Bauwelt 3/2000, 24f.

 

Die Anzahl der Dinge, mit denen wir die Welt ausstatten, bleibt ungezählt, die Entwicklung ihrer Vielfalt klafft aber auseinander:

Wo die Miniaturisierung mechanische Bauteile mit ihren funktionsgebundenen Formen erübrigt, benötigt der Mensch neue Figuren und Interfaces, die erst den Kontakt zum Produkt herstellen.

Dieser Wandel von Form und Funktion erzeugt für immer neu ins Ziel genommene Konsumentengruppen hochdifferenzierte Ausformungen, die sich auf wenigen, alleskönnenden Plattformen auftürmen. über die Verknüpfung von Bildern mit Formen werden emotionale Beziehungen zu den Dingen aufgebaut, um sie dann wieder durch neue Trends auszuwechseln. (Da es sich aber für die Nutzer nicht lohnt, die Formen von den Plattformen zu lösen, hoffen wir, daß es beim Recycling gelingt.)

 

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Klassischen Ursprungs sind die Formen der Dinge auf diesen Mustertafeln. Fadenführungen, Isolatoren, Hülsen, Klemmen, Fassungen, Spindeln, Laufräder, Knöpfe, Kappen, Haken, Siebe, Krümmer, Griffe, um nur einige aufzurufen, waren nur ein kleiner Teil der Produktpalette, die von der keramischen Fabrik Kloster Veilsdorf in Thüringen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt und hergestellt worden sind.

 

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Das technische Porzellan spielte im Zeitalter der Mechanisierung und stürmischer Ausbreitung von Strom und Wasser, Maschinen und Apparaten eine zentrale Rolle, hatte dieser Werkstoff doch das nötige Potential für die neuen Beanspruchungen:

nicht leitend, abriebfest, hygienisch, wasserfest, hitzebeständig, porenfrei, dauerhaft, um nur einige Vorzüge zu nennen. Erfunden werden mußte dazu jedoch die preisgünstige Massenproduktion des ‚weißen Goldes‘, und das bei engen Maßtoleranzen und gleichbleibender Qualität. Das Press-Verfahren, bei dem relativ trockene, aber durch Zusätze gefügige Porzellan-Masse in Stahlwerkzeugen geformt wird, verkürzt nachfolgende Trocknungszeiten und Schwundmaße, wie sie für das altbekannte, gegossene Porzellan typisch sind. Komplexe, mehrteilige Werkzeugkonstruktionen ermöglichen Hinterschneidungen und damit integrierte Funktionen, wie wir sie von heutigen KunststoffSpritzgußteilen kennen.

Thüringer Betriebe wie Kloster Veilsdorf entwickelten diese nötigen Rezepte und standen an vielen Orten in voller Blüte. Mit ihnen die Vielfalt der Produkte, die ihrerseits nur Bau-Teil größerer Strukturen sind: der Generatoren und Motoren, der Spinn-, Web- und Druckmaschinen, der Telefon- und Stromnetze.

 

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Aus diesen Kontexten quasi herauspräpariert und auf die Tafeln genäht, wie sie damaligen Kunden der Zulieferindustrie präsentiert wurden, zeigt sich aus heutiger Sicht noch eine ganz andere Qualität: Der phantastische Formenreichtum entwickelte sich aus dem Zusammenspiel von nur einem Material, seiner Verarbeitung und den diversen Funktionen, die diese Teile zu verrichten hatten. Damit stehen die Gestalten für sich und sind ohne implizierte Botschaft.

Mag sein, daß ihre Qualität aus diesen unmittelbaren Prozessen damit näher an die natürlicher Wesen heranreicht als die aktuellen Versuche, Wesensformen aus der Natur zu samplen, um Produkte zu maskieren, auf daß sie sich den Menschen anbieten.

So bin ich gespannt, ob uns ungesehene Formen aus vor uns liegenden Prozessen gelingen.

 

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