Design ist der Joker

This is box title

Ein Gespräch mit dem Designer Axel Kufus

Nora Sobich – artnet.de

30. November 2007

 

Seit 2004 ist Axel Kufus Professor für Produktdesign an der Universität der Künste in Berlin. Sein jüngstes Projekt nennt sich „Design Reaktor Berlin“. Bekannt wurde der Designer und Schreiner mit Meisterbrief als Enfant terrible des „Neuen Deutschen Designs“. Sein Regal FNP gilt heute als Möbelikone des weiter entwickelten Funktionalismus und wird seit 1989 von dem Unternehmen Nils Holger Moormann produziert. Über Autorendesign, die Aufgaben einer Fakultät für Gestaltung sowie über die Wiederentdeckung des „Neuen Deutschen Designs“ sprach Nora Sobich mit Axel Kufus.

 

artnet Magazin: Herr Kufus, eigentlich wollten Sie heute auf der Erfindermesse in Nürnberg sein. Sind Designer Erfinder?

 

Axel Kufus: So wie ich Design begreife, hat das viel miteinander zu tun. Ich glaube allerdings nicht, dass es immer gleich das ganz Neue sein muss, sondern auch eine neue Anwendung in der Erfindung sein kann. Design geht ja weit über die reine Formgebung hinaus. Es hat etwas mit der Gestaltung von Beziehungen zwischen Potenzialen, Funktionen und Nutzungen zu tun. Finde ich keine Lösung für eine Aufgabe, muss ich sie erfinden.

 

artnet Magazin: In den 1980er Jahren gehörten Sie zum „Neuen Deutschen Design“. Derzeit erinnert die Begeisterung für künstlerisch individuelle Einzelstücke und limitierte Editionen wieder an frühere Ansätze.

 

Axel Kufus: Der grundlegende Unterschied ist der, denke ich, dass das „Neue Deutsche Design“ eine Art Gegenbewegung war und in Konfrontation zu einem Markt stand, der Industrial Design hauptsächlich als No-Name-Design verstand. Mit dem „Neuen Deutschen Design“ entwickelte sich ein Autorendesign. Es hatte auch die Qualität, dass der Designer selbst dafür sorgen musste, seine Entwürfe auf die Welt zu bringen.

 

artnet Magazin: Auch Sie mussten sehen, dass Sie für die Produkte aus Ihrer Schreinerei einen klugen Vertrieb finden.

 

Axel Kufus: Ich war allerdings einer der wenigen, der auch selbst produziert und an Serien gedacht hat. Ich wollte vervielfachen und trotzdem eine radikale Konzeption umsetzen, nämlich die der Einfachheit. Die meisten Objekte, die damals entstanden, erfuhren Vervielfältigung nur über mediale Verwertung. Mediale Bilder hatten einen so starken Einfluss, dass irgendwann auch bei Ikea rote Keiltische und schräge Regale standen.

 

artnet Magazin: Heute ist Autorendesign geradezu ein Verkaufsargument.

 

Axel Kufus: Die Personifizierung ist in den 1990er Jahren und Anfang dieses Jahrhunderts extrem verfeinert worden. Man nimmt sich Stars, ihr Image, ihre Geschichten, ihre Formensprache für die Präsentation eines Produkts, um sich im Wettbewerb zu differenzieren.

 

artnet Magazin: Wenn Sie über Design sprechen, verwenden Sie oft den Begriff „elegant“. Das irritiert. Das Achtziger-Jahre-Design wollte doch eher…

 

Axel Kufus: …struppig sein. Für mich ist der Eleganzbegriff ein erweiterter – jenseits der ästhetischen Klischees. Eleganz kann für mich zum Beispiel auch ein Produktionsprozess sein, bei dem die daran beteiligten Leute etwas davon haben, es keine stumpfsinnige Fließbandarbeit ist. Also elegante Produkte müssen für mich einen eleganten Weg haben, vor und hinter sich.

 

artnet Magazin: Die etymologische Herleitung kommt von „eligere“ – auslesen.

 

Axel Kufus: Ja, auslesen, auswählen. Der Unterschied zur rein effektiven, rationellen Lösung ist der, dass bei eleganten Lösungen nicht nur zählt, was rauskommt, sondern wie stimmig der Gesamtprozess ist. Ich plane dazu schon lange einmal einen Kongress zu veranstalten, um die fachspezifischen Auffassungen zur Eleganz von Mathematikern, Philosophen, Evolutionsbiologen, Ingenieuren, aber auch Tänzern und Fußballern zusammenzubringen.

 

artnet Magazin: Spielt Interdisziplinarität für Ihre Arbeit eine große Rolle?

 

Axel Kufus: Als Designer sowieso. Unter dem Forschungsdruck, unter dem wir heute stehen, ist es wichtig, gezielt für Interdisziplinarität zu sorgen. Das passiert an Hochschulen viel zu wenig. Es entstehen viele Ideen, die oft nur in ihren Sparten weitergedacht werden. Auch die UdK ist intern leider noch kaum vernetzt. Eigentlich könnte der Designer der Joker sein, der neue Verknüpfungen herstellt.

 

artnet Magazin: Etwa zweihundert „Produktler“ studieren an der UdK, wo Sie den Lehrstuhl des emeritierten Nick Roericht innehaben. Eigentlich würde zu Berlin, das von der UNESCO zur Designhauptstadt erklärt wurde, eine international renommierte Hochschule gut passen. In aller Munde sind aber London, Lausanne und Eindhoven. Warum wird Eindhoven plötzlich zu solch einem Magnet?

 

Axel Kufus: Das ist natürlich auch eine Frage der Markenbildung. Aber nicht nur. So ein riesiger Laden wie die UdK mit über viertausend Studierenden und in der ganzen Stadt verteilten Häusern hat es grundsätzlich schwerer, die entsprechende Qualität und Identität zu erzeugen, als etwa so ein System wie an der Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL), wo Pierre Keller der Chef ist und die Freiheit hat, gute Leute anzuziehen und zu sagen: Ich hole mir jetzt die Bouroullecs, den Häberli oder den Marchand und mache daraus eine prominente dynamische Schule. Ich finde aber gut, dass es viele Modelle und auch Konkurrenzen gibt. Das war schon immer so. Da war mal Antwerpen hoch im Kurs, dann St. Martins in London. Das ist der Lauf der Welt. Nur muss die UdK den Ehrgeiz haben, da auch mal mitzuspielen. Berlin ist ein Scheinriese und die UdK auch. Je weiter man weg ist, umso stärker wird sie wahrgenommen. Je näher man aber hingeht, desto mehr sieht man, was hier alles nicht genutzt wird.

 

artnet Magazin: Wo sehen Sie denn die Vorteile eines Universitätsbetriebs wie dem der UdK?

 

Axel Kufus: Die Vielfalt der Studiengänge macht viele Synergien möglich. Mir geht es darum, dass die Studierenden keine standardisierten Ergebnisse abliefern, sondern zu eigenen Reisen aufbrechen und meine Aufgabe ist es, sie dabei zu begleiten und zu fördern. Aber nicht in der Funktion eines Reiseleiters. Reiseleiter wäre Schule. Reisebusverhalten finde ich an Kunsthochschulen grausam.

 

artnet Magazin: Eines ihrer aktuellen Forschungsprojekte heißt „Design Reaktor Berlin“. Ein Projekt, bei dem Sie die Studierenden und das Berliner Handwerk zusammenbringen.

 

Axel Kufus: Ja, Handwerker stehen meist mit beiden Beinen in ihrer Disziplin. Netzwerken ist extrem unterentwickelt, vor allem wenn es über die Grenzen der eigenen Innung hinausgeht. Das Autarkiestreben mag mit der Ständetradition zu erklären sein. Die Mission des „Design Reaktors“ ist es, Handwerker mit ins Labor zu holen und mit ihnen gemeinsam zu arbeiten und zu entwickeln.

 

artnet Magazin: Über fünfzig Manufakturen und mittelständische Betriebe aus Berlin sind beteiligt, darunter auch Nanotechnologen und Autotuner. Zusammen mit H. & Ph. Behr entstand zum Beispiel der Aschenbecher „Dune“.

 

Axel Kufus: Der Aschenbecher besteht aus nichts anderem als aus gepresstem Sand. Also aus etwas, das man in einer Gießerei ständig zum Formenbauen benötigt. Der „Design Reaktor“ wird derzeit beim BDI präsentiert, da steht als Headline über dem Aschenbecher: „Viele Unternehmen geben nur das in Auftrag, was sie sich selber vorstellen können.“ Solch ein Produkt wäre nie aus einem Briefing herauskommen. Man wird es auch nicht am Schreibtisch entwerfen. Es ist ein einleuchtendes Beispiel dafür, wie eine gegenseitige Befruchtung stattfinden kann.

 

artnet Magazin: Zu den Produkten des „Design Reaktors“ zählen auch ein Teebeutel, der mit einem Papierstreifen anzeigt, wie lang der Tee schon gezogen hat, das Hightech-Produkt „Music Drop“, eine tropfenförmige Musikkapsel oder „Story Tail“, ein Stab mit einer Locke, wie ein Fetischobjekt für Kinder oder überhaupt wie ein Objekt, um Fantasie anzuregen. All diese Entwürfe sind im Grunde Erfindungen.

 

Axel Kufus: Ja, es sind keine formalen Spielereien. Es ging dabei nicht um Formvariationen, sondern um neue Verknüpfungen. Das ist ja auch der Bereich von Design, den ich spannend finde.

 

artnet Magazin: Was halten Sie davon, dass derzeit Design und Kunst wieder näher zueinander rücken und Designobjekte plötzlich hoch gehandelt werden?

 

Axel Kufus: Neutral gesagt ist es eine weitere Qualität. Der Kunstmarkt, der gerade hyperventiliert, zieht sich nun auch diese Objekte rein. Vermarktet wird, was in irgendeiner Weise einzigartig ist, wo Entstehungsprozesse noch ablesbar sind, es nur wenige Stücke gibt und diese deswegen als Sammlerstück marktfähig sind.

 

artnet Magazin: Wie erklären Sie solch ein Nachfrageverhalten?

 

Axel Kufus: Es ist ein „me-too“-Prozess, der in der Kunst anfing, dann über die Fotografie ging, die wie das Design ja auch schon einen seriellen Charakter hat.

 

artnet Magazin: Wo wird das hingehen?

 

Axel Kufus: Der Markt ist ja in Null-Komma-Nix total überheizt. Ob das für die Designentwicklung eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Es wird sich zeigen, ob sich noch mehr Designer als Autoren zu erkennen geben und das Selbstbewusstsein in dem Bereich steigt, um Neues zu probieren. Und ob Stücke aus Arbeitsprozessen, die früher kaum eine Rolle spielten – wie Formmodelle oder Prototypen – noch wichtiger werden. Es kann aber auch sein, dass da nur etwas abgefeiert wird und irgendwann verraucht.

 

artnet Magazin: Manche Galeristen prophezeien, dass die Objekt-Skulpturen des „Neuen Deutschen Designs“ bald verstärkt von der Nachfrage erfasst werden. Eigentlich war diese Designbewegung ja eher ein Stiefkind, nie so anerkannt wie zum Beispiel „Memphis“ in Italien.

 

Axel Kufus: „Memphis“ ist getragen worden von sehr bekannten Persönlichkeiten wie Ettore Sottsass, Alessandro Mendini, Andrea Branzi – die konnten das gut protegieren. Die Sujets, an denen das „Neue Deutsche Design“ gearbeitet hat, waren wesentlich radikaler, möglicherweise auch deutscher in dem Sinne, dass sie grundsätzlicher an Aufgabenstellungen herangegangen sind und auch nicht salonfähig waren. „Memphis“ war von vornherein salonfähig. Die Entwürfe waren schon von der Positionierung her als Sammlerstücke angelegt. Unsere Objekte wie etwa unser Betonfensterschrank, das waren halt Kellerkinder. Aber die waren nötig. Dass sie jetzt nachträglich geadelt werden und Museen und Sammler ganz scharf darauf sind, zeigt nur, dass die Struppigkeit im Nachhinein noch einmal anders wahrgenommen werden kann. Vorher passte das in keine Kategorie.

 

artnet Magazin: Die Bewegung hatte aber schon verschiedene Zentren.

 

Axel Kufus: Es gab natürlich „Möbel Perdu“, „Galerie Blau“ oder das „Berliner Zimmer“. Entscheidend fand ich aber, was später in Holland passiert ist, nämlich durch „Droog Design“. Da gab es sozusagen einen intellektuellen Überbau und auch eine Art Zentrum, wo es Gijs Bakker und Renny Ramakers schafften, die Kräfte stärker zu bündeln. So eine Plattform aufzubauen, haben wir nicht geschafft. Das liegt möglicherweise daran, dass wir keinen Gijs Bakker hatten oder auch daran, dass in Holland sehr früh erkannt wurde, dass das Spielerische, die Improvisationslust und auch einfach das Struppige Teil einer nationalen Produktkultur werden können. Bei uns blieb es bei einer Gegnerschaft.

 

artnet Magazin: Gerichtet gegen das Geschmacksdiktat der „Guten Form“ und des „Rats für Formgebung“…

 

Axel Kufus: Als Autor konnte man sich da doch in keiner Weise wiederfinden.

 

artnet Magazin: Nun ist Deutschland nicht sonderlich fürs Spielerische bekannt, mehr für Qualität, Forschung und Ingenieursleistungen.

 

Axel Kufus: Ich selbst bin ja auch eher ein ernsthafter Typ. Aber ich würde sagen, ohne so ein radikales Spiel wäre mein Regal FNP nicht entstanden.

 

artnet Magazin: Aus dieser Vorphase stammt auch ihr wunderbarer „Blauer Sessel“, den sie gemeinsam mit der Bildhauerin Ulrike Holthöfer entwarfen: gespreizte Fünfziger-Jahre-Beine, die mit punkig-blauen Waschanlagenbürsten bewuchert sind. Wo steht der Sessel heute?

 

Axel Kufus: Im Kunstmuseum Düsseldorf. Ganz tief schläft er dort in irgendeiner verstaubten Ausstellung.

 

artnet Magazin: Geht das vielen ihrer frühen Objekte so?

 

Axel Kufus: Nein, wir sind auch gerade dabei, mit Florian Hufnagl von der Neuen Sammlung in München darüber zu reden, ob es Möglichkeiten gibt, manche Teile dorthin zu überführen.

 

artnet Magazin: Ihre so genannten „Ad hoc Möbel“-Skulpturen existieren also noch?

 

Axel Kufus: Ja. Wir haben damals nur den „Blauen Sessel“ verkauft. Der war ja – neben der Hauptikone, dem Einkaufssessel „Consumers Rest“ von Stiletto – fast ein bisschen ikonenhaft. Ein anderes wichtiges Werk für mich ist die Leuchte aus einem zur Spirale aufgewickelten Litzenkabel. Nach dem Motto: Was kann ich aus einem Halbzeug machen, wenn ich es ein bisschen manipuliere? Wie entsteht mit einen kleinen Eingriff eine andere Form und Funktion? Davon habe ich zehn/fünfzehn Stück gemacht.

 

artnet Magazin: Die bereits erwähnte Schreinerei, in der Sie damals arbeiteten, war Ende der 1980er Jahre eine Berliner Institution.

 

Axel Kufus: Die Crelle-Werkstatt. Dazu gehörte u. a. Andreas Brandoloni, der auch Dozent bei Roericht war. Es war eine Kooperative, wir haben gemeinsam gemietet, gemeinsam investiert, gemeinsam Aufträge ausgeführt, vor allem komplexen Ausstellungsbau. Irgendwann kam ich drauf, die Werkstatt zum Labor zu machen, das ist ja nur eine Kopfbewegung. Auf diesem eher traditionellen Terrain entwickelte ich ein spannendes Wechselspiel zwischen Experiment und Produktion. Mit dem Konzept einer neuen Arbeitskultur bewarb ich mich 1993 auch als Professor für Produktdesign an der Bauhaus Universität in Weimar und Lucius Burckhardt stellte mich ein, obwohl ich ja kein Diplom habe.

 

artnet Magazin: Tatsächlich?

 

Axel Kufus: Ich hatte an der Hochschule der Künste in Berlin abgebrochen. Ich konnte mich dort nicht weiter entwickeln.

 

artnet Magazin: Jetzt engagieren Sie sich dafür aber umso mehr an der UdK…

 

Axel Kufus: Als ich mich nach zehn Jahren Weimar an der UdK bewarb, war das wie: „Der kehrt jetzt an den Ort zurück, dem er vor zwanzig Jahren den Rücken gekehrt hat.“ Ja, ich bin hoch motiviert, denn ich muss es schließlich besser machen als das, was ich vorher kritisiert habe.